Elternhilfe

Hilfe für Eltern gehörloser Kinder

Elternberichte

 

In eigener Sache

Warum ich mich so engagiere?

Karin Kestner mit Yann und Xenja

Foto: © Gabriel Nistor, 2006

Ich bin seit 1992 Gebärdensprachdolmetscherin. Damals hatte ich es nicht so ganz einfach die Gebärdensprache zu lernen. Es gab nur wenige Kurse, und es gab nur Bücher, in denen Fotos von Gebärden, also nicht der ganze Ablauf der Gebärden wie auf Videos, gezeigt wurde. Schon damals, als ich lernte, ärgerte es mich, dass die neue Technik der CD-ROMs nicht für Gebärdensprache benutzt wurde. So kam ich auf die Idee, zusammen mit meinem Bruder die 1. CD-ROM mit Gebärden herauszubringen. Es lief mehr schlecht als Recht an, das eingenommene Geld investierte ich wieder neu, um eine 2. und 3. CD herzustellen. So langsam kam die Sache in Gang, auch Dank des Internets, das die CDs doch etwas bekannter machte. Filme wie "Jenseits der Stille" machten die Gebärdensprache bekannter. Viele wollten lernen.

Oft bekam ich Bestellungen von Eltern gehörloser Kinder, die für ihre Kinder Gebärdensprache lernen wollten. Nach einem solchen Telefonat mit einer Mutter reifte in mir der Plan, eine CD-ROM direkt für die Kinder zu machen, eine CD, mit der Eltern und Kinder gemeinsam lernen konnten. Mir war bewusst, dass es nicht mehr ganz ohne Hilfe anderer ging, aber ich rechnete nicht nach, kalkulierte nicht das Risiko. Ich wollte den paar Eltern helfen, die ihren Kindern mit Gebärdensprache das Leben erleichtern wollten. Mir war bewusst, dass diese CD ein Zuschussgeschäft wäre. Ich bin zwar immer schon ein Optimist gewesen, aber was dann kam, hatte ich nicht erwartet. Die CD-ROM verkaufte sich so oft, wie ich es niemals gedacht hätte.

Durch Tommys Gebärdenwelt habe ich so viele Eltern kennen gelernt, mit so vielen Müttern gesprochen, die nur auf eine solche CD gewartet hatten. Unter diesen Eltern waren auch sehr, sehr viele Eltern, die jahrelang auf die Technik, sprich das CI gehofft hatten. Sie hatten sich an die Vorschriften/Empfehlungen der Kliniken gehalten und ihren Kindern keine Gebärdensprache angeboten, um sie nicht "mundfaul" werden zu lassen. Es wurden immer mehr solcher Elterntelefonate….

Im Oktober 2000 nahm ich an einem Kongress teil, in dem das CI hoch gelobt wurde, die Gebärdensprache als etwas Minderwertiges dargestellt wurde. Dieser Kongress war der ausschlaggebende Wendepunkt in meiner Einstellung zum CI. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich wenig mit dem CI beschäftigt, wusste nur von einigen Personen, die ich privat kannte, dass nicht alles Gold ist was glänzt und die zum Teil wirklich erschütternden Berichte der Eltern. Auf die Idee irgendetwas dagegen zu unternehmen, das den Eltern etwas vorgegaukelt wird, kam ich aber erst nach dem Kongress.

Ich kannte ja so viel mehr Eltern und ihre Kinder durch ihre Berichte am Telefon, als in den Saal des Kongresses je passen würden. Ich kannte bis zu dem Zeitpunkt nicht die Werbung und nicht den tatsächlichen Druck auf die Eltern. Ich fing an, mich genauer zu informieren, unterdessen gingen die Telefonate weiter. Es konnte doch nicht sein, dass die Kinder (sie wurden immer jünger mit dem CI versorgt, mit der Begründung, so früh wie möglich operieren, dann gibt es die besten Chancen auf Lautsprache) ständig von der Gebärdensprache abgehalten wurden. Viele Mütter kauften meine CDs, da waren manche Kinder schon 10 oder 12 Jahre! Die CDs waren für Kinder ab 3 Jahren geplant… Diese Kinder hatten weder Lautsprachkompetenz noch konnten sie Gebärden, um sich wenigstens in der Familie verständlich zu machen (es gab sehr unterschiedliche Kompetenzen).

Seit ich mich also über das CI, die Vorgehensweise mancher Kliniken und deren Ärzte, die CI -Industrie und die Folgen für die Kinder informiert hatte, machte ich meine Meinung öffentlich. So richtig bewusst war mir nicht, in welches Wespennest ich stieß. Ich bekam Mails von beiden Seiten und Menschen, die zwischen den Stühlen saßen und überhaupt nicht wussten, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Was mir aber deutlich wurde, war, dass ich offensichtlich einige in ihrer Ruhe gestört hatte. Ich bekam Drohungen und Angriffe von Seiten der CI-Befürworter. Immer wenn den CI-Befürwortern die Argumente ausgingen, wurde ich persönlich beschimpft, und es wurde mir unterstellt, ich wolle nur meine CDs verkaufen und mir die gehörlosen Kunden für die Zukunft sichern.

Zu diesen beiden Punkten möchte ich gern hier und jetzt Stellung nehmen, denn ich bin es Leid alles zehnmal zu schreiben, dazu ist meine Zeit zu wertvoll.

Ich verkaufe in der Hauptsache meine CDs an Eltern gehörloser Kinder mit CI und an geistig behinderte Kinder, an dritter Stelle kommen die gehörlosen Kinder ohne CI. Weitere Gruppen sind Kinder mit anderen Behinderungen. Diese Auflistung, der mir bekannten Kinder, (es gibt auch viele bei denen ich nicht weiß welche Behinderung sie haben) sollte schon klar machen, dass also der Grund für mein Engagement zum Thema CI nicht der Verkauf der CDs sein kann. Im Gegenteil, ich könnte mich zurücklehnen und weiter warten, bis die Eltern merken, dass sie allein mit Lautsprache und CI bei ihren Kindern nicht weit kommen.

Der Vorwurf ich würde mir gern meine Kunden für später erhalten kann auch ganz einfach widerlegt werden. Ich bin inzwischen 45 Jahre. Das ist zwar nicht alt, aber wenn die Kinder, die heute mit 2 Jahren und früher operiert werden, mich als Dolmetscher benötigen, wäre ich schon über 60 Jahre. Glauben Sie mir, ich arbeite mit 60 Jahren nicht mehr als Dolmetscher. Diese Arbeit, will man sie gut machen, erfordert höchste Konzentration, die ich mit 60 Jahren sicher nicht mehr leisten kann/will. Ich plane für meine Zukunft auch noch etwas ganz anderes, so dass ich diese Kinder in München, Berlin, Köln usw. sicher nicht als meine Kunden benötige.

Mein Anliegen gilt in erster Linie den Kindern und den Familien und einer offenen Aufklärung über das CI. Ich möchte nicht, dass es noch vielen Kindern und Eltern so ergeht, wie es mir so oft geschildert wurde.

Sollten Eltern das CI trotz Risiken und unsicherem Ausgang für ihre Kinder in Erwägung ziehen, so ist es deren Entscheidung, der ich nichts entgegenzusetzen beabsichtige. Es ist nicht mein Ziel und mein Anliegen, diesen Eltern Vorwürfe oder nachträglich ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich bekämpfe nicht das CI an sich, ich bekämpfe die Art und Weise, wie mit Eltern umgegangen wird, wie sie zum CI überredet, subtil beeinflusst und zum Teil unter Druck gesetzt werden, und das Ganze dann auch noch auf dem Rücken der Kinder, die laut Aussagen von Ärzten besser erst spät oder gar nicht die Gebärdensprache lernen sollen, damit die lautsprachliche Entwicklung nicht behindert wird. Zu den Vorwürfen ich sei nicht neutral, kann ich nur sagen, dass ich, durch die vielen Gespräche mit Eltern sicher nicht mehr neutral bin oder sein kann.

Karin Kestner, 01.01.2001

 
 
 
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